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Die Ameisen und der Morgenstern

Endlich sollte es losgehen.
Anne hatte den Termin auf den 5. Oktober festge­legt und die gesamte Mischpoke und das halbe Dorf eingeladen. Ich beeilte mich den Hänger fertig zu kriegen, denn der war noch nicht zusammengeschraubt.
Dann kam Jean-Paul.
Jean-Paul arbeitet seit Jahren im Tourismusgeschäft. Er verleiht Roulotten, begleitet die Feriengäste, verpasst ihnen eine Kurz­ausbildung, und, das vor allem, er dressiert seine Pferde auf idiotensichere Hörigkeit.
Jean-Paul hat Ahnung.
Er kam also zu uns und half uns beim Anschirren. Er korrigierte dieses, monierte jenes, und dann ging es los mit der eingerichteten Roulotte.
Jean-Paul wollte mal sehen.
Nach der Probefahrt verkündete er sein Urteil: „Macht Wurst aus euren Mulis ! Mit denen werdet ihr nicht weit kommen, zu schreckhaft, also hoch gefährlich.“
Uns fiel die Kinnlade runter. Das konnte doch nicht wahr sein . . .
Am Tag darauf wollten wir es wissen, es war am letzten Wochenende im September: Die Viecher wurden angeschirrt, Anne setzte sich auf den Kutschbock, ich nahm Sekü an den Halfter und führte beide Zugtiere über den Hof zur Ausfahrt. Dann, wie von der Tarantel gestochen, riss sich Sekü los und im wilden Galopp ging es genau auf die Laderampe zu, wo der Bauer seine Hänger mit Gift und Chemiedünger belädt. Anne konnte nichts tun. Die Höllenfahrt ging die Rampe hoch und dann, wie von einer Skischanze runter ins Loch davor. Ich lief hinterher und sah das Gespann verschwinden, dann aber wieder auftauchen. Weiter ging die Fahrt, über das frisch gepflügte Feld dahinter. Das beruhigte die Viecher. Anne lag vor dem Kutschbock, auf dem Balkon der Roulotte. Gekrümmt vor Schmerzen.
Unter großen Anstrengungen brachte sie schließlich das Gespann zurück auf den Hof. Ich schirrte aus und scheuchte die schweißgebadeten Mulis auf die Koppel.
Das war’s.

Die Reisestrecke betrug etwa 150m bis zur Laderampe, dann etwa 500 Beruhigungsmeter im gepflügten Acker, und wieder zurück. Ich schleppte meine ärmste Anne zum Bett und rief den Krankenwagen.
Notaufnahme im Provinzkrankenhaus von Chateauroux, dort 5 Stunden warten, dann endlich röntgen. Das Ergebnis brachte Schwung in die Bude: Gleich drei Schwestern wirbelten um die verdatterte Anne herum, wohl nicht wie aufgescheuchte Hornissen, waren auch nicht schwarz-gelb anzusehen, aber beunruhigend war es doch: Lendenwirbel gebrochen und deplaziert. Anne durfte sich von nun an nicht mehr rühren, wurde in eine Art Plastikmuschel gelegt, dort fixiert wie eine eingeschweißte Mettwurst, und ab gings nach Poitiers, in die Uniklinik.
Dort kam sie unter den Scanner und dasErgebnis sah nicht gut aus: Risiko einer bleibenden Querschnittlähmung.
Anne wurde in der Nacht von Sonntag auf Montag operiert. Ein Gerüst aus zwei festgeschraubten Haltestäben von etwa 30 cm Länge wurde ihr einmontiert. Alles aus Titan. Soll haltbar sein und stabil wie das Guggenheim, zu bewundern in Bilbao:
Kunst.
Ich brauchte aber nicht extra bis nach Bilbao und sparte somit die Fahrtkosten. Alles war vor Ort zu bewundern, nein besser zu vermuten unter der aufgeschürften und blaugrün marmorierten Rückenschwarte meiner Anne. Zehn Einschnitte, verschlossen mit Titanklammern.
9 Tage waren wir in der Uniklinik. Ich pennte auf einem Feldbett und spielte den Pfannen-Unterschieber, Po-Wischer, Füttermeister und Seelentröster. Zum Glück gibt es Morphin !
Aber trotzdem, Anne litt große Schmerzen.
Heute sind wir wieder zuhause. Noch immer pumpt sie Morphin, aber weniger. Keine Ahnung wie entwöhnt werden soll. Vielleicht mit Heroin oder, was für die Oldies, wie zum Beispiel LSD ? Wir sind gespannt und voller Erwartungen. Neuer Mut kommt auf.
Die Roulotte hat eine Feder gebrochen, eine zweite angeknackst. Das Ofenrohr ist leicht ausgewuchtet, (der Ofen lag auf dem Bett) drinnen das volle Chaos. Das Vertrauen in die Mulis ist futsch, die werden weg gegeben, sollen aber nicht in die Wurst.
Alles wird neu beginnen, die Abfahrt ist verschoben.
Hauptsache, meine Anne ist nicht gelähmt. Die Pfotchen wirbeln schon wieder, wenn auch nur zwischenzäglich und leicht zärtlich angedeutet. Aber sie wirbeln.
Und das ist die Hauptsache.

oswald, am 23. Okt. 2013

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